schulexpert Elterninfo April 2015 – Lehrkunst (Transkript)

SEEI Juli 2014

Georg Pflüger/ pfl (Schulleiter): Sehr herzlich willkommen zu unserer neuen Ausgabe von schulexpert Elterninfo. Heute mit dem Thema: Lehrkunst. Neben mir steht Professor Hans Christoph Berg, den ich ganz herzlich begrüße. Christoph, du bist mein Ausbilder. Es ist mir eine Freude und Ehre, dich hier zu begrüßen.

Prof. Dr. Hans Christoph Berg/hcb: Danke, Georg, großer Schüler! Freut mich, da sein zu dürfen.

pfl: Wegen einem Seminar, das ich bei Professor Berg gemacht habe, ist unsere Raiffeisen-Schule heute auch eine Genossenschaftsschule. Aber darüber wollen wir jetzt heute nicht weiter sprechen, sondern zum Thema Lehrkunst kommen. Christoph, Lehrkunst ist für dich ja ein Thema, mit dem du dich Jahre, Jahrzehnte, sehr lange beschäftigt hast. Was war für dich der zündende Funke, um dich damit so intensiv zu beschäftigen?

hcb: Tja, Frage führt weit zurück. Es ist ein Doppelereignis – eine große Enttäuschung und dann eine Entdeckung. Die Enttäuschung entstand aus einem sehr großen Versuch. Ich war Zweitstudienstipendiat für Lehramt und dann Psychologie am Max-Planck-Institut und dann kam der Auftrag von Willy Brandt und Olof Palme: Wie könnten wir Demokratie in der Schule stärken?
Als die Erwägungen am Max-Planck-Institut, in die ich eingebunden war, heiß wurden, habe ich vorgeschlagen: Demokratie ja, aber bitte nicht ohne Bildung. Und so ist eine Arbeitsgruppe eingesetzt worden: Wie können wir an den Schulen Demokratie und Bildung stärken. Also an die Schulen herangehen und fragen: Was macht ihr damit?

pfl: Empirische Bildungsforschung?

hcb: Ja. Und ich bin an eine schwäbische Hauptschule gegangen – weil i gut schwäbisch schwätze ka – und jetzt kommt die Enttäuschung. Als wir die Schüler, Lehrer, die Eltern usw….. Der Schülerratsvorsitzende sagte dann die schwarzen Worte: "Acht Jahre sitzen wir an der Schule, gelernt haben wir nicht viel. Da hätte die halbe Zeit gereicht." Also enttäuschend.
Zum Glück jetzt der positive Zündfunke. Ich hatte im Studium einmal den Martin Wagenschein gehört, einen großen Reformpädagogen aus den Zwanziger Jahren – bis in die Fünfziger, Sechziger, Siebziger weitergegangen. Und der hatte als erfahrener Physik- und Mathematiklehrer ein Physikexempel vorgeführt, was klipp und klar und verständlich bis ins Letzte war. Ja – so geht es auch. Wie macht er das?
Und dann wurde ich Schüler bei ihm. Und alle Welt hat damals nur seine Methode studiert. Und wir haben gemerkt, seine Unterrichtsexempel, seine Stücke sind es. So wie wir im Theater nicht bloß die Methode von Lessing, von Brecht oder von Shakespeare, die wir nicht genau kennen, sondern seine Stücke aufführen.

pfl: Ich zeige dazu mal dieses Bild (Bild 1). Da geht es ja darum, dass der Baum, also unsere Kultur, Nüsse hervorbringt, die wir dann in der Schule wieder zu einem Baum entfalten. Das ist das Grundbild deiner Lehrkunstdidaktik. Und das hast du bei Wagenschein dann studiert und fortgeführt in so eine Methodentreppe (Bild 2). Kannst du dazu vielleicht kurz was sagen?

hcb: Ja. Da steckt der ganze Wagenschein drin. Jetzt studiert er die fünfzig Jahre, die es gebraucht hat, bis Galilei, bis Torricelli allmählich den Luftdruck entdeckt haben. Fünfzig Jahr – soll man die in die Schule bringen? Nur dann, wenn es sich ganz knapp verdichten lässt exemplarisch bis in eine Nuss. Ein Experiment, in dem alles drinsteckt, und dem dann das Verständnis wieder neu wachsen kann. Und das ist das, was zum normalen Unterricht dazukommt. Die normale Unterrichtseinheit, das Unterrichtshandwerk, die Unterrichtstechnik, die bringt man als gut ausgebildeter Lehrer mit (erste Stufe Methodentreppe).
Jetzt kommt Wagenschein und sagt: Immer mal wieder sollten wir, dort wo ganz wichtige Themen anstehen, sollten wir ein Stück weiter gehen. Eben bis zu dieser klaren Verdichtung, für die wir uns dann auch viel mehr Zeit nehmen.
Die Entdeckung beispielsweise von Galileo auch so nach- und mitvollziehen, mit ihm entdecken – genetisch, und die Dramatik dieser Entdeckung, die in der Wissenschaftsgeschichte war, auch im Unterricht mitkriegen. Soweit die zweite Stufe (der Methodentreppe).
Jetzt die nächste, jetzt kommt Klafti (Wolfgang Klafti). Das war ein historischer Glücksfall, dass Klafti – der Nestor der deutschen Bildungsdiskussion – seine Bildungskonzeption an Wagenschein verdeutlicht hat. Es kommt darauf an, den Gegenstand essentiell zu erfassen, in seinem inneren Wesen und in das innere Wesen des Lerners zu bringen. Erst wenn eine wechselseitige Erschließung da ist, dann ist Bildung erreicht (dritte Stufe).
Und jetzt soll das aber nicht bloß wunderbarer Entwurf bleiben, wie die Theaterstücke von Shakespeare bis Brecht. Nein, sie sollen auf heutige Bühnen gebracht werden. Wie machen wir das in den heutigen Schulen? Das ist dann die oberste Stufe.

pfl: Sie sehen, dass ist doch eine sehr reflektierte, sehr tiefgebende, sehr effiziente Art und Weise den Kindern das weiterzugeben, was uns wichtig ist. Nicht nur uns, sondern was auch in unserer Kultur wichtig ist. Ein anderes Bild, was du oft verwendest, Christoph, ist nicht nur die Nuss, sondern sind auch die Sternstunden einer Kultur, die epochalen Menschheitsthemen. Und so haben wir auch in unserer Friedrich Wilhelm Raiffeisen-Schule einen ganzen Schatz von Lehrkunststücken, die wir hier aufführen (Bild 3). Bassermann als Beispiel exemplarisch für eine deutsche Bürgerfamilie, die vom 30-jährigen Krieg bis in die Mitte des letzten Jahrhunderts von Lothar Gall, einem der führenden Historiker Deutschlands, beispielhaft dargestellt wird. Das habe ich eine Woche lang gemacht in der Klasse Sieben.

hcb: Eine Riesengeschichte: 300 Jahre Bürgertum in einer Familie konzentriert.

pfl: Ganz genau. Und so versuchen wir das auch in vielen anderen Lehrstücken, z.B. Faradays Kerze und viele andere, die sie auch auf unserem Schulblog nachschauen können: Die Hippo.
Christoph, so sind wir mit der Lehrkunst unterwegs als Partner in der Sorge um Ihr Kind. Aber an dieser Stelle ändern wir mal die Choreographie und das letzte Wort hat der Professor. 

hcb: Herzlichen Dank für das Verständnis. Ich darf einen Wunsch äußern: Wenn einer meiner Schüler – also in deinem Alter – an eure Schule kommt und fragt: Wie steht’s denn mit Demokratie und Bildung? Dann möchte ich euch wünschen und hoffe es, dass ihr nicht die Antwort kriegen würdet: Gelernt haben wir nicht viel. Ich hoffe, dass die Schüler sagen: Oh, wir haben an unserer Schule ganz schön viele spannende Sachen kennengelernt. Wir haben Nüsse oder Sternstunden – wir haben die Kanonkünste in einem Werk von Bach konzentriert, wir haben Faradays Kerze – alle im Weltall wirkenden Gesetze treten in der Kerze zutage. Und das haben wir begriffen. Oder, oder, oder…. Das würde ich euch wünschen. Und danke für die Zusammenarbeit in vielen Jahrzehnten und ich wünsche, sie möge noch weitergehen.

pfl: Vielen Dank. Ich bin überzeugt, sie geht weiter. Und ich wünsche mir, dass dein Wunsch in Erfüllung geht. 
Danke fürs Zuschauen und Tschüss!

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