Fragen und Antworten

Was ist pädagogisch das Besondere an Ihrer Schule?

Wir arbeiten nach dem von uns entwickelten WEiSE®-Konzept. WEiSE® bedeutet: Werteorientierte Erziehung in individualisierten Schul-Einheiten mit Eltern. Dahinter verbergen sich drei Einsichten:

  1. Das Kind steht im Zentrum aller Schulentwicklung. Wir haben Beobachtungsbögen und Tests entwickelt, welche die Grundlage für die pädagogische Betreuung bilden (WEiSE®-Profil, Umfrage Betreuungsaufwand, „Fit für die Schule!?“). Lerntempo und Lernwege richten sich so weit als möglich nach dem Kind. Die gesamte Schulform ist abgestimmt auf das Herstellen einer optimalen Lernumgebung.
  2. Die Eltern machen mit. Unsere Schule ist ein Haus des Lernens für Schulkinder, Eltern und Lehrkräfte. Jedes Kind ist anders, jede Familiensituation besonders, jede Lehrkraft ein Individuum. Erziehung muss kontextuell immer wieder neu bedacht und durchleuchtet werden. Deshalb wird großer Wert auf Kommunikation und Fortbildung für alle gelegt.
  3. Wissen und Werte, Wissen und Sinn gehören zusammen. Wissen ist keine chemische reine Substanz, die Profis ihren „Patienten“ als Prophylaxe gegen mögliche Verblödung injizieren könnten. Wissen umfasst „Haltungen, Bereitschaften, Hemmungen, Gewohnheiten, Überzeugungen, Gewissheiten und Zweifel; sie werden gestützt und erhellt durch Vorstellungen – vom Menschen, von der Gemeinschaft, von Lebensaufgaben und Lebenssinn, von Befriedigung und Glück …“ (Hartmut von Hentig im Bildungsplan für Grundschulen von Baden Württemberg). Auch wenn dieser Kontext von Werten und Sinn nicht schulisch abfragbar und benotbar ist, ist er doch „ einer systematischen Pflege, Übung, Bewusstmachung keineswegs entzogen“ (von Hentig). Das WEiSE®-Konzept stellt sich dieser Aufgabe, Wissen in den Kontext von Sinn und Werten kindgerecht einzubetten.

Warum haben Sie eine Schulgenossenschaft gegründet? Was hat es mit dieser Rechtsform auf sich?

Die Genossenschaftsidee hat ja einen bestimmten Hintergrund: Friedrich Wilhelm Raiffeisen (1818-1888) war Bürgermeister im Westerwald und hat dort die Genossenschaft erfunden, um den verarmten Bauern zu helfen. Durch Wucher und Betrug fielen sie im 19. Jahrhundert oft in Armut. Grundidee ist die Hilfe zur Selbsthilfe und zur Selbstverantwortung durch gemeinsame Güter wie Maschinen und Saatgut. Die Rechtsform der Genossenschaft ist bis heute ein deutscher Exportartikel in Dritte-Welt-Länder. Die Kleinkredite des Friedensnobelpreisträgers von 2006 Mohammed Junus sind eine ähnliche Idee.

Wir übertragen diese Idee auf den heutigen Zustand in Sachen Bildung. Viele Eltern suchen Alternativen. Staatliche Schulen machen oft eine gute Arbeit. Aber es gibt, wie wir alle wissen, auch große Probleme. Stichworte dazu: PISA, Burn-Out bei Lehrern, Gewalt an Schulen, Schulabbrecher, Nachhilfemarkt, Analphabeten. Unsere Schulgenossenschaft gibt den Eltern die nötige Hilfe zur Selbsthilfe.

Wie kommt ein Fernunterrichts-Institut wie die Deutsche Fernschule denn dazu, eine Schule zu gründen?

Die Friedrich-Wilhelm-Raiffeisen-Schule (FWR) würde nicht bestehen ohne die Deutsche Fernschule. Seit 1971 wurden in unserem Institut über 10 000 Kinder in 140 Ländern erfolgreich mit staatlich zertifizierten Lehrbriefen unterrichtet. Dabei haben wir folgende Erfahrungen gemacht, die sich in Umfragen und zahllosen Rückmeldungen immer wieder bestätigten:

  • Wenn die Kinder auf ihre Art, in ihrer Umgebung und in ihrem Tempo lernen dürfen, dann lernen sie zu lernen.
  • Wenn die Eltern sich mit ihren Kindern beschäftigten und den Aufwand an Zeit und Liebe nicht scheuen, dann wird das gemeinsame Lernen zu einem Band gegenseitiger Wertschätzung. Zitat eines Elternpaares: „Wir Eltern empfinden die Fernschularbeit als aufwändig und anspruchsvoll. Sie intensiviert jedoch auch die Beziehung zu unseren Kindern und erlaubt uns gemeinsame Erlebnisse und Erfahrungen, die wir genießen und schätzen.“
  • Wenn das Meistern der Muttersprache in fernen Ländern die eigene Identität festigt, dann können die Kinder mit großer Gelassenheit fremde Kulturen lieben lernen. Mit unserer Schulinitiative wollen wir diese wertvollen Erfahrungen in ein pädagogisches Konzept einbringen, das für kleine Schulen im In- und Ausland geeignet ist.

Warum gründen Sie in Zeiten rückläufiger Schülerzahlen eine Grundschule?

Wir gründen diese Grundschule nicht trotz, sondern wegen der rückläufigen Schülerzahlen in unserem Land. Immer wieder gehen Berichte durch die Presse, wo aufgebrachte Eltern gegen die Schließung ihrer Grundschule vor Ort protestieren. In Brandenburg liegt der durchschnittliche Einzugsbereich einer Grundschule inzwischen bei 65 Quadratkilometer. „Kurze Beine, kurze Wege“, sagte die ehemalige  Kultusministerin Karin Wolff sehr schön, richtig und einprägsam. Aber deutschlandweit sieht die Realität bereits heute anders aus. Und auch in Hessen wird sich die Lage verändern. Unsere Kleinschule auf genossenschaftlicher Basis bietet den Eltern die Möglichkeit, in Sachen Bildung eigeninitiativ zu werden. So eine Kleinschule will gut durchdacht und erprobt sein. Deshalb ist die Friedrich-Wilhelm-Raiffeisen-Kleinschule hier und heute in Wetzlar notwendig. So werden beispielsweise von uns Materialien entwickelt, die besonders für den jahrgangsübergreifenden Unterricht geeignet sind, um die Lehrkraft zu entlasten. Außerdem arbeiten wir an vielen Prozessen, die besonders auf die Bedürfnisse einer Kleinschule zugeschnitten sind und später digital abgebildet werden sollen.

Welchen weltanschaulichen Hintergrund hat Ihre Schule?

Fernunterricht für Grundschulkinder ist eine Innovation der Deutschen Fernschule e.V.. Daraus entstand des WEiSE®-Konzept (Werteorientierte Erziehung in individualisierten Schul-Einheiten mit Eltern). Das WEiSE®-Konzept unterstützt die Werte unserer westlichen Gesellschaft: Freiheit, Gerechtigkeit, Demokratie, Respekt vor der Würde jeder Person, Familie, Unternehmertum. Diese Werte haben christliche Wurzeln, die immer wieder zu Fortschritt geführt haben. Für die DF und die FWR und alle Ausformungen des WEiSE®-Konzeptes wünschen wir uns, dass daraus pädagogische Innovationen entstehen, von denen viele profitieren, unabhängig von ihrem weltanschaulichen Hintergrund.

Hintergrundinformation: Die größten privaten Schulträger in unserem Land sind christlich: Die katholische und die evangelische Kirche. Diese Schulen hatten zum Beispiel im Jahr 2006 etwa 40 % mehr Bewerber als Plätze. Das ist kein Zufall. Überall dort, wo man sagt „Jedes Kind ist einzigartig und hat eine besondere Rolle im Leben“, wächst eine attraktive Pädagogik. Denn Wertschätzung tut Kindern gut. Im Übrigen sind wir der Ansicht, dass eine Schule keine Kirche ist. Beide Institutionen haben unterschiedliche Aufgaben. Zum Beispiel Predigt, Mission oder Taufe sind eindeutig der Auftrag der Kirchen. Die Aufgaben der Schule sind Bildung und Erziehung, Beratung und Bewertung sowie Innovation.